Grippe – nein Danke!

Praxis Lichtblick Heilpraktiker Weinheim
Gut gewappnet durch die kalte Jahreszeit.
Foto: Martin Gebhardt / pixelio.de

In den Medien hört man alle Jahre wieder Schreckensmeldungen über bevorstehende „Infektionswellen“: Vogelgrippe, Schweinegrippe oder Influenza.

In der Sprechstunde werde ich immer wieder gefragt, was man aktiv tun kann, um einen Infekt zu vermeiden oder sich zu wappnen, damit man ihm im Fall der Fälle mit einer starken Abwehr begegnen kann.

Hier habe ich ein paar praktische Tipps für Sie zusammengestellt.

Dass um uns herum und in unserem Körper Viren, Bakterien und Pilze sind, bedeutet nicht, dass wir krank werden. Solche Erreger sind allgegenwärtig. Das Wunderwerk Mensch verfügt über eine ganze Reihe von ausgeklügelten Abwehrmechanismen, die im Normalfall sehr gut funktionieren. Werden wir trotzdem krank, sind noch andere Faktoren im Spiel, auf die wir durchaus Einfluss haben:

Bewegung in der Natur kann auch im Winter Freude machen.
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Lifestyle.

Die beste Abwehr gegen Infekte leistet ein intaktes Immunsystem. Dazu können Sie einiges selbst beitragen: Regelmäßige Bewegung – auch in der kalten Jahreszeit, angemessene Umgebungstemperatur und Kleidung, ausgewogene Ernährung und ein typgerechter Lebensstil mit einem gesunden Verhältnis von Anspannung und Entspannung sind das A und O. Was typgerecht bedeutet, ergibt sich aus der 4-Elemente-Auswertung für jeden individuell.

Körper-Seele-Geist.

Mittlerweile weiß man um die enge Verzahnung von Immunsystem, Nervensystem und Hormonsystem. Daraus wird immer klarer, warum es für den Körper dienlich ist, das Seelenleben zu entlasten. Die Wissenschaft der Neuropsychoimmunologie deckt diese Zusammenhänge forschend auf. Insofern sind alle Methoden hilfreich, die die seelische Balance fördern.

Gemütsverfassungen mit hohem Stresslevel, wie beispielsweise Angst, sind kontraproduktiv für eine gesunde Abwehr. Wenn Sie nicht gerade zur Risikogruppe mit geschwächtem Immunsystem gehören, (durch Chemotherpaie oder Immunsupression oder bei schweren Vorerkrankungen), schaden Sie sich mehr als es Ihnen nützt, sich wegen eines drohenden oder bestehenden Infekts verrückt zu machen.Und wenn Sie zu einer Risikogruppe gehören, ergreifen Sie bitte sinnvolle Maßnahmen ohne Panik. Falls Sie die Angst ergreift, suchen Sie sich geeignete Hilfe. 

Meine Empfehlung: Vernünftige Vorsichtsmaßnahmen ja. Hysterie nein!

Hygiene.

Viel Leid durch Seuchen hätte man in früheren Epochen der Menschheitsgeschichte vermeiden können, wenn die Übertragungswege bekannt gewesen wären. Eine einfache und wirkungsvolle Maßnahme ist immer noch das Händewaschen: 30 Sekunden mit normaler Seife.

Desinfektionsmittel fürs tägliche Händewaschen zu nutzen, ist im normalen Hausgebrauch nicht sinnvoll. Sie zerstören damit den natürlichen Schutzmantel der Haut. Um diesen zu fördern, sind jetzt Handcremes – bitte zertifizierte Naturkosmetik – wichtig. Gesunde Haut trägt zur Infektabwehr mehr bei als spröde, trockene oder rissige Hände.   

Noch ein praktischer Hygiene-Tipp: Fassen Sie sich unterwegs nicht so oft ins Gesicht. Erreger finden ihren Weg in den Körper am einfachsten von den Händen über die Schleimhäute von Auge, Nase und Mund.

Schleimhautbarriere.

Unsere Häute und Schleimhäute sind dafür gewappnet, Krankheitskeime abzuwehren, die in den Körper eindringen könnten. Die Schleimhäute müssen dazu feucht genug sein. Trinken Sie also hinreichend und lassen Sie die Luft in beheizten Räumen nicht austrocknen. Luftbefeuchter oder regelmäßiges Lüften sind zweckdienlich. Aber bitte lassen Sie die Räume nicht auf Nordpol-Niveau auskühlen. Das Wort Erkältung kommt von Kälte.

Falls Sie zu allergischen Reaktionen im Mund-/Nasen-/Rachenraum neigen, meiden Sie Ihre bekannten Allergene in dieser Zeit besonders konsequent, wenn das möglich ist.

Mikronährstoffe. Eine ausgewogene Rundumversorgung mit Mikronährstoffen unterstützt den Körper bei der Infektabwehr: Ich selbst gönne mir ganzjährig jeden Tag ein hochwertiges Vitalstoffpräparat, im Winter erhöhe ich die Dosis. Achten Sie generell darauf, dass Nahrungsergänzungsmittel aus natürlichen Quellen stammen und prüfen Sie die Zusammensetzung. Bei allen Multiprodukten sind Vitamin C und Magnesium im Bedarfsfall noch zusätzlich einzunehmen. Magnesium empfehle ich nur bei entsprechenden Beschwerden (z.B. Krampfneigung) und wenn Erdelement nicht im Übermaß vorhanden ist.

Vitamin C dient so vielen Stoffwechselprozessen und ist gleichzeitig ein Radikalenfänger, dass es in der naturheilkundlichen Behandlung von Infekten schon lange einen festen Platz einnimmt. Lösen Sie 3 Mal täglich eine Messerspitze in Flüssigkeit auf. Trinken Sie reichlich Wasser nach, damit der Zahnschmelz nicht unter der Säure leidet. Mit der Dosis können Sie großzügig umgehen. Was überschüssig ist, scheiden gesunde Nieren problemlos aus. Ich empfehle ein naturnahes Produkt zu verwenden, z.B. Acerola-Pulver. Hier bitte nicht sparen! Billiganbieter züchten Vitamin C auf Pilzkulturen im Labor.

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Von Oktober bis März reicht die Sonneneinstrahlung nicht für unsere Vitamin D Produktion. Foto: Petra Weiß

Der Großteil der Bevölkerung in Mitteleuropa ist schon im Sommer mit dem Sonnenvitamin D unterversorgt! Im Winter fehlt die Sonne, wodurch noch weniger Vitamin D im Körper produziert wird. Sogar für jeden Gesunden sind 2.000 IE (internationale Einheiten) Vitamin D während der Wintermonate empfehlenswert und bei nachgewiesenem Mangel sollte die Dosis 6.000 IE täglich betragen. Ich lasse bei meinen Patient*innen alle drei Monate den OH25-Spiegel im Blut prüfen, wenn sie Vitamin D in hohen Dosen einnehmen. Für rund 20 Euro gewinnt man Sicherheit und therapiert nicht auf Verdacht.

Bei bestimmten Krankheitsbildern (z.B. Autoimmunerkrankungen) reicht ein Vitamin-D-Spiegel nicht aus, der nur in der Norm liegt. Sondern man therapiert an die obere Grenze des Referenzbereichs – selbstredend unter Kontrolle der Laborwerte. Vitamin-D ist ein billiges „Medikament“. Es ist kaum zu glauben, dass dennoch in weiten Teilen der Bevölkerung eine Unterversorgung besteht! Nebenwirkungen durch Überdosierung sind in der Praxis kaum zu beobachten. Allein bei Kindern sollte man den Kalziumspiegel im Auge behalten, wenn man über längere Zeit mehr als 4.000 IE täglich verabreicht. Besprechen Sie solche Maßnahmen im Vorfeld mit ihrem naturheilkundlich orientierten Kinderarzt.

In 12 Jahren Naturheilpraxis habe ich mich nicht ein einziges Mal bei einem Patienten angesteckt. Mein Geheimtipp für stabile Schleimhäute (denn hier treten die Erreger in den Körper ein – oder eben nicht!) ist Zink. 25 mg Zinkorotat täglich schützen die Schleimhäute. Wenn Sie diese Dosis über sechs Wochen oder länger einnehmen möchten, ist es notwendig, parallel Kupfer, Mangan, Kalzium und Eisen zuzuführen, damit das Verhältnis ausgewogen bleibt. Mit einem guten Multivitalstoffpräparat ist das Problem gelöst.

Bienen-Power.

Honig, Gelee Royal und Propolis wirken antientzündlich, antiviral und antibakteriell. Nicht nur der überteuerte Manuka-Honig kann Ihnen als effektive Unterstützung für Ihr Immunsystem dienen, sondern auch einheimische Sorten. Honig wirkt effektiv einer Entzündung der Schleimhäute im Mund entgegen, wie zahlreiche Studien belegen. Intakte Schleimhäute sind die beste Infektabwehr, weil die Erreger erst gar nicht eindringen können.  Vorsicht ist natürlich bei Allergien auf Bienen-Gift geboten.

Zum Genesen brauchen wir Ruhe. Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Gesunder Umgang.

Falls es dann doch zu einem Infekt gekommen ist, gibt es unterschiedliche Arten, damit umzugehen: Am wichtigsten ist es, den Körper in seiner Arbeit nicht zu behindern. Wägen Sie die Einnahme von unterdrückenden Medikamenten gewissenhaft ab. Das Laufen der Nase, das Abhusten des Schleims, die erhöhte Temperatur und andere Reaktionen sind sinnvoll und gesund. Sie helfen dem Organismus mit den Eindringlingen klarzukommen.

Ein gerütteltes Maß an Selbstfürsorge ist jetzt notwendig, damit Leistungsorientierung und Pflichtgefühl der Genesung nicht im Wege stehen. Lassen Sie Ihrem Körper ZEIT. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht! Schalten Sie einen Gang zurück, stressen Sie Ihren Leib jetzt nicht mit Alkohol oder anderen Genussgiften und sorgen Sie für ausreichend Ruhe.

Medikamente.

Die naturheilkundliche Apotheke bietet kraftvolle und dennoch sanfte Arzneien zur Selbstmedikation. Sonnenhut (Echinacin) oder Umckaloabo stärken im Akutfall das Immunsystem. Die Anzahl der weißen Blutkörperchen wird erhöht und die Abwehrleistung dadurch gesteigert. Das Immunsystem in dieser Art anzuregen, ist oft eine äußerst hilfreiche Maßnahme. Vorsicht geboten ist allerdings bei Blutgruppe 0, wenn der Mensch gleichzeitig zu Überreaktionen des Immunsystems neigt, wie Allergien oder Autoimmunreaktionen. Sprechen Sie im Zweifel mit Ihrem Arzt oder Heilpraktiker.

Bei Infekten hat es sich bewährt frühzeitig ein pflanzliches Antibiotikum einzusetzen. Kapuzinerkresse und Meerrettichwurzel machen den Erregern in Bronchien und Nebenhöhlen den Garaus – ohne die Nebenwirkungen eines konventionellen Antibiotikums. Die Darmflora bleibt intakt und kann die Immunreaktion weiterhin unterstützen.

In meiner Praxis haben viele Patienten gute Erfahrungen mit den Präparaten der anthroposophischen Apotheke gemacht. Globuli aus Apis und Belladonna für beginnende Halsschmerzen oder Composita auf der Basis von Ferrum phosphoricum bei grippeähnlichen Symptomen haben sich seit Jahren bestens bewährt.

Praxistipp:

Nehmen Sie Homöopathika in Eigenregie? Falls die dritte Gabe noch keine Veränderung (seelisch, körperlich oder hinsichtlich des Allgemeinzustandes) gebracht haben sollte, beenden Sie die Einnahme. Sobald die Symptome weg sind, lassen Sie das Mittel ebenfalls sofort weg. Das nicht zu tun, sind die beiden häufigsten Fehler bei der Selbstmedikation mit homöopathischen Mitteln.

Ideal ist es, wenn ein erfahrener Homöopath das genau passende Kügelchen für Sie bestimmt. Denn damit können sich nicht nur die Erkältungssymptome auflösen, sondern auch seelische Dysbalancen und mitunter noch ganz andere Beschwerden – sozusagen als erfreuliche Nebenwirkung.

Je früher Homöopathie eingesetzt wird, desto rascher und umfassender kann sie wirken. Das Mittel für akute Beschwerden zu finden, ist in der Regel sehr viel einfacher und treffsicherer als für chronische Erkrankungen. Rasche Klarheit bringt im Zweifel ein kinesiologischer Test.

Ein beliebter Fehler – in der Selbstmedikation und auch in der Therapie – ist es, Homöopathika einzusetzen, wenn der Körper bereits auf einem guten Weg ist, die Krankheit zu bewältigen. Ist der Höhepunkt der Erkrankung überschritten und die Symptome sind im Abklingen, sind Geduld und Vertrauen in die Selbstheilungskräfte gefragt. Das ist sowohl für die Patienten als auch für die Homöopathen eine Herausforderung.

Bewährte Hausmittel unterstützen die Genesung. Foto: Rike / prixelio.de

Hausmittel.

Ansteigende Fußbäder, Inhalationen, Wickel, Zwiebelsäckchen und vieles, was die Großmutter noch wusste, haben auch heute noch einen Stellenwert in der Behandlung von Erkältungskrankheiten verdient. Fragen Sie Ihre Oma oder recherchieren Sie im Internet. Tees z.B. mit Ingwer, Thymian oder Salbei sind die Klassiker für den wehen Hals. Kaufen Sie Produkte in Bioqualität (ohne Pestizidbelastung), legen Sie einen Deckel auf die Tasse, damit die ätherischen Öle nicht verdampfen, und gehen Sie maßvoll mit dem Arzneimittel Tee um.

Noch ein Praxis-Tipp:

Literweise und ganzjährig Kräutertees zu trinken, ist nicht sinnvoll. So mancher hat sich durch den übermäßigen Genuss von Kamillentee schon einer unfreiwilligen Arzneimittelprüfung von Chamomilla unterzogen. Kräutertees mit arzneilicher Wirkung sind genau das: wirkungsvolle Medikamente – und entsprechend gezielt und bewusst sollten sie eingesetzt werden.

Arzt:

Selbstverständlich konsultieren Sie Ihren Hausarzt, falls Ihre Beschwerden anhalten oder in ihrer Heftigkeit von den Ihnen bekannten Erkältungsbeschwerden abweichen. Seien Sie besonders wachsam, wenn Ihr Immunsystem durch Medikamente oder schwere Erkrankungen beeinträchtigt ist. Alle anderen vermeiden bitte jeden Anflug von Hysterie. 

Dont´panic!

Sie sehen selbst: Wir haben (grippalen) Infekten einiges entgegenzusetzen, das nebenwirkungsarm und relativ kostengünstig gleichzeitig vielen anderen Krankheiten vorbeugt. Gehen Sie sorgsam und bewusst mit Ihrem Körper um!

Lesen Sie hier meinen noch immer aktuellen Bericht zur Grippehysterie in 2013:

Lohnenswert nur für die Hersteller

Erinnern Sie sich: Wochenlang wurde in Radio, TV und Zeitungen von der Vogelgrippe berichtet, so wie vormals vor der Schweinegrippe. Viele Menschen fühlten sich von der Erkrankung bedroht und einige hamsterten Medikamente, von denen sie im Ernstfall Hilfe erhofften. Die Grenzen zwischen Vorsorge, Panik und Hysterie waren zeitweise recht verschwommen. Und die Massenmedien trugen ihren Teil dazu bei.

Natürlich ist es tragisch, wenn Menschen an einer Infektion sterben. Aber in den Medien wurden diese Einzelfälle so dargestellt, als werde die Welt in kürze von einer schrecklichen Pandemie heimgesucht. In Windeseile wurden Medikamente produziert und auf Kosten der Steuerzahler auf Halde gelegt. Die Epidemie blieb dann aus und man fragt sich, ob wir das den Erzeugern von Tamiflu & Co zu verdanken haben.

Nun meldet der elektronische Nachrichtendienst der Frankfurter Allgemeine Zeitung faz.net einen ernüchternden Rückblick: Einen halben Tag Krankheitsgeschehen ersparten die teuren Arzneien den Patienten laut einer aktuellen Meta-Studie der Conchrane Collaboration. Im Durchschnitt litten die Betroffenen 6,5 statt 7 Tage an den Grippe-Symptomen. Und auch die befürchteten Komplikationen traten bei Menschen mit der Medikation nicht seltener auf als ohne.

Naturheilkundler fordern die Förderung von bewährten Heilpflanzen wie der Zistrose, deren Wirkstoffe nachweislich die Infektionsrate bei Grippe verringern, die Ausbreitung der Viren hemmen und die Krankheitsdauer deutlich verkürzen – und das zu einem Bruchteil der Kosten.

Erstveröffentlichung: Signal 2/2014 Haug-Verlag Stuttgart,
gekürzte Fassung für Lichtblick-Blog 2019

Hauptsache gesund? Die Illusion vom ewigen Leben.

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So heil wie die Welt manchmal ausschaut, ist sie nicht immer.
Foto: Oliver Mohr / pixelio.de

Immer wieder lesen oder hören wir, wie wichtig unser Lebensstil für die Gesundheit ist. Während man früher einen großen Teil des körperlichen und seelischen Wohlergehens der genetischen Disposition zuschrieb, gewinnt die Forschung zunehmend Hinweise darauf, wie bedeutend die Epigenetik ist. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir zwar Veranlagungen im Erbgut haben, diese aber wirksam werden können oder auch nicht.

Man stellt sich das vereinfacht vor wie einen Schalter, der auf („epi“) dem Gen sitzt. Steht der Schalter auf AN, wird die Gensequenz abgelesen und damit wirksam. Steht er auf OFF bleibt das Gen zwar wie es ist, wird aber nicht abgelesen. Wie wir leben hat Einfluss auf diesen Schalter. Und der Schalter hat seinerseits Einfluss auf unsere Lebensweise. Es besteht eine Wechselwirkung.

Die Medien vermitteln den Eindruck, man müsse nur gesund leben und schwupps schon seien die Epigene umgeschaltet und wir würden so alt wie Methusalem. Ausgewogene Ernährung, ein bisschen Sport, genug Entspannung und bloß nicht rauchen – das klingt doch gar nicht so schwer. Als ob wir alle die gleichen guten Voraussetzungen hätten, unser Leben nach Belieben zu steuern. Das ist leider nicht so.

Willkommener Irrglaube

Viele von uns halten eine gemeinsame Illusion aufrecht. Sobald wir eingehender darüber nachdenken, wird uns schnell klar, dass Menschen auch in Deutschland unter unglücklichen Umständen aufwachsen, die ihre Resilienz, ihr Erleben von Selbstwirksamkeit und ihre seelische Gesundheit massiv beeinträchtigen. Und wenn wir dann die Erkenntnisse aus der Epigenetik ernstnehmen, wird uns zusätzlich bewusst, dass wir auch von unseren Ahnen Belastungen – sowohl genetische als auch epigenetische – in uns tragen, um die wir nicht gebeten haben. Die Belastungen sind individuell unterschiedlich ausgeprägt. Ebenso unterschiedlich ist das jeweilige Vermögen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen.

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Eine klare Orientierung dient uns. Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Warum ist uns die Illusion so wichtig? Sie vermittelt uns das falsche und gleichzeitig sehr willkommene Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Als stünde es in unserer Macht, wie gesund wir sind. Als läge es in unserem Ermessen, wie alt wir werden. Ja, fast so als könnten wir dem Tod ein Schnippchen schlagen. Diese kindliche Allmachtsfantasie ist für uns leichter zu handhaben als die Tatsache, dass wir wohl im Rahmen unserer persönlichen Möglichkeiten einen gewissen Einfluss ausüben können, den wir auch nutzen sollten, aber dass unsere Macht über das eigene Leben Grenzen hat und unser irdisches Dasein letztlich endet, egal wie gesund wir vorher gelebt haben. Zu gerne blenden wir Krankheit und Tod aus. Wenn wir gezwungen sind hinzusehen, geben uns lieber dem Irrglauben hin, wir wären selber schuld an unseren Maläsen als das Gefühl von Ohnmacht zu ertragen. Und noch attraktiver ist es, anderen die Schuld für ihre gesundheitlichen Probleme zuzuschieben als sich den eigenen Ohnmachtsgefühlen zu stellen.

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Recht und Gerechtigkeit.
Foto: Carlo Schrodt / pixelio.de

Analogie. Mir fällt in diesem Zusammenhang eine Studie ein: Die Ergebnisse von Gerichtsverhandlungen zum Thema sexuelle Gewalt wurden analysiert. Man wollte herausfinden, ob die These stimmt, dass weibliche Richter die Verdächtigen härter verurteilen als ihre männlichen Kollegen. Erstaunlicherweise war es genau umgekehrt! Die Richterinnen tendierten dazu, die Opfer als (mit-)schuldig anzusehen und sprachen die mutmaßlichen Täter häufiger frei. Als mögliche Erklärung vermuten Psychologen, dass die Damen in Richterrobe leichter mit der Haltung leben, eine Frau wird nur dann vergewaltigt, wenn sie selbst diese Handlung provoziert. So können sie für sich selbst in der Illusion bleiben, ihnen passiere so etwas Schreckliches ganz sicher nicht. Was unsere Gesundheit angeht oder die unserer Mitmenschen, werden wir alle leider allzu rasch zu ungnädigen Richtern – egal, welchen Geschlechts wir sind.

Verlorene Jahre?

In einem Beitrag des Spiegelmagazins zeigt eine Grafik, wie viele Lebensjahre wir durch Rauchen (mehr als 10 Zigaretten täglich), Fettleibigkeit (Body-Mass-Index BMI >30) und Alkohol (> 4 Gläser am Tag) etc. verlieren. Die Zahlen sind erschütternd.

Meinung. Ich persönlich glaube nicht, dass sich das individuelle Wohlfühlgewicht immer an BMI-Zahlen hält. Gleichwohl empfinden sich viele Menschen als zu dick. Alleine darüber könnte man eine Abhandlung schreiben. Schauen Sie vielleicht mal auf den Beitrag „Intuitiv essen“. Das Thema will ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.

Keinem scheint aufzufallen, dass es sich hier um Suchterkrankungen handelt, die behandlungswürdig sind und ihre tieferen Ursachen haben.

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Alkoholsucht ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche.
Foto: Petra Bork / pixelio.de

Statt jedem Dicken, Trinker oder Raucher seinen Zustand vorzuwerfen, als sei er Ausdruck einer verabscheuungswürdigen Charakterschwäche, wäre es zweckdienlicher zu fragen, woher das Problem rührt.

Wenn jemand gerne raucht, ist das seine Entscheidung – so lange er niemandem schadet. Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit der Solidargemeinschaft der Krankenkassenmitglieder. Da müssten wir an tausend Stellen ansetzen, wo Menschen ihre eigene Gesundheit belasten, die niemand prüfen und nachweisen kann. Gut, dass das so ist. Sonst will uns am Ende noch jemand vorschreiben, wie viele Schritte wir zu gehen haben, und schnallt uns ein Kontrollbändchen ums Handgelenk. Und wer würde sich anmaßen, die Anzahl der Schritte für alle festzulegen? Die vertretbare Alkoholmenge? Die akzeptable Arbeitsbelastung? Die „richtige“ Ernährung? Menschen sind nicht standardisierbar. Jeder ist einzigartig. Die allseits beliebte Gleichmacherei wird dem Einzelnen nicht gerecht.

Trotzdem wird ausgerechnet über Raucher die Nase gerümpft. Im gesellschaftlichen Ansehen ist der lässig rauchende Cowboy längst nicht mehr cool. Wie sich das Image im Laufe der Jahrzehnte verändert hat bzw. verändert wurde, können Sie in meinem Essay „Wenn die Fackeln der Freiheit verglühen“ nachlesen. 

Die landläufige Meinung ist heute: Zigarettenrauch stinkt, er überschreitet Grenzen und belästigt andere durch Passivrauchen, die Gesundheitsrisiken sind hinlänglich bekannt. Und unsäglich teuer ist das Laster auch noch. Warum fällt es vielen so schwer, auf den Glimmstängel zu verzichten? DAS ist eine Frage, die mich wirklich interessiert.

Eine mögliche Antwort habe ich beim Studium von Traumafolgen gefunden: Rauchen beruhigt. Nikotin lindert Ängste. Aha. Ist die Annahme verwegen, dass wir vom hohen Ross herab Menschen verurteilen, die von ihrem Schicksal gebeutelt sind und eine ungesunde Bewältigungsstrategie für ein Trauma gefunden haben? Nein, sicher ist nicht jeder Raucher ein Traumatisierter. Aber wir wissen das nicht, während wir über fremde Menschen richten. Und es geht uns auch nichts an. Nikotin ist bekanntlich ein Nervengift. Es mag Lebensläufe geben, in denen es erforderlich erscheint, die Nerven zeitweise nicht zu spüren. Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem erfreulichen Leben, falls Sie sich das nicht vorstellen können.

Achtung und Demut

Mir begegnen immer wieder Biografien, die meine tiefe Ehrfurcht und Wertschätzung hervorrufen und bei denen ich mich wundere, wie ein Mensch so etwas überlebt. Dass die Betreffenden (unbewusst) nach Bewältigungsstrategien suchen, die Risiken und Nebenwirkungen mit sich bringen, ist eher die Regel als die Ausnahme.

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Beim Essen werden beruhigende Hormone ausgeschüttet.
Foto: Kraftprotz / pixelio.de – nachgestellte Situation

Beruhigende Effekte hat übrigens auch das Essen. Während des Essens wird Oxitocin ausgeschüttet. Das Baby-Bindungs-Hormon beruhigt. Für manche ist Essen eine von wenigen Möglichkeiten, sich zumindest für einen kurzen Augenblick geborgen zu fühlen. „Sie müssen ein paar Pfund abnehmen, sonst gefährden Sie Ihre Gesundheit!“ hören solche Leute täglich von Heilpraktikern, Ärzten, Ernährungsberatern oder wohlmeinenden Nachbarn. Diese Aufforderung nützt ihnen gar nicht. Ganz im Gegenteil: Ihr Gefühl von „Ich kann nicht“ verstärkt sich mit jedem gescheiterten Diätversuch und untergräbt ihre angegriffene Selbstwertschätzung noch weiter.

Ebenso geht es den Alkoholkranken. Auch Alkohol ist ein Nervengift und zudem bietet der Rausch einen kleinen Urlaub von dem unverarbeiteten Horror. Auf keinen Fall will ich Alkohol als gute Bewältigungsstrategie anpreisen. Und doch ist es falsch, die Betroffenen – ausgesprochen oder nicht – als asoziale Säufer zu verurteilen. Alkoholabhängigkeit ist eine anerkannte Krankheit. Wäre es einzig eine Frage des Willens, die Sucht an den Nagel zu hängen, würden die meisten davon Gebrauch machen und das Problem würde sich in Luft auf lösen.

Nützlich ist eine mehrdimensionale Sicht der Dinge. Es braucht zuerst eine gute Strategie, um das Problem zu lösen, das hinter dem Rauchen, dem Übergewicht oder der Alkoholsucht liegt, bevor man das offenkundig selbstschädigende Verhalten bleibenlassen kann. Ja, wir können etwas tun. Aber so platt und einfach wie es klingt, ist es leider nicht immer.

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Auch die gesündeste Ernährung gibt keine Garantie auf ewiges Leben.
Foto: Margot Kessler / pixelio.de

Praxisbeispiel: Ich erinnere mich an eine Patientin, die schon von klein auf nahezu ideal gesunde Weise ernährt worden war. Ihre Eltern haben ihr nur Bio-Lebensmittel gegeben, sie hat sich sportlich betätigt, war immer schlank gewesen, hat keinen Alkohol getrunken und hatte einen geregelten Alltag mit mäßiger Belastung durch ihren Teilzeit-Beruf, einen netten Ehemann und wohlgeratene Kinder. Dennoch war sie an Krebs erkrankt. Der Diagnoseschock bei Krebs zieht den meisten Menschen den Boden unter den Füßen weg. In der Regel haben sie rasch Pläne, was sie künftig ändern wollen, um an Ihrer Genesung mitzuwirken. Bei dieser Frau war die Tatsache, dass Sie TROTZ ihres (nahezu perfekt) gesunden Lebenswandels erkrankt war, das eigentliche Problem. Das stürzte sie in ein tiefes Loch und wir hatten alle Hände voll damit zu tun, ihre Seelenlage zu stabilisieren.

Die Epigenetik lehrt uns, dass wir genetische Vorbelastungen durch gesunde Lebensweise ein Stück weit ausgleichen können. Sie lehrt uns aber auch, dass Belastungen nicht nur genetisch, sondern auch epigenetisch von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wir sollten den Menschen helfen, ein Bewusstsein für Ihre individuellen Probleme zu entwickeln und sie dabei unterstützen, gute Lösungen zu finden, statt mit erhobenem Zeigefinger auf die ungesunden Lösungen zu zeigen, die sie selbst gefunden haben. Etwas mehr Achtung vor dem Einzelnen und seinem Schicksal, das wir nicht erkennen, wenn wir nur auf seinen Body-Mass-Index oder seine Zigarettenpackung starren, tut Not.

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Schauen Sie gnädig auf sich und Ihre Mitmenschen.
Foto: Elisabeth Patzal / pixelio.de

Individuelle Werte

Ich wünsche mir, dass wir den Menschen mit offenem Herzen begegnen. Auch und gerade wenn sie nicht so gut für sich sorgen, wie wir es für angemessen halten. Dass wir uns darüber bewusst werden, nicht über alle Informationen zu verfügen, die eine faire Bewertung der Situation erfordern würde. Auch wenn das heißt, dass wir uns unseren tiefen Ängsten stellen und das eigene Fragil-Sein anerkennen, statt auf eine unsinnige Unkapputbarkeit zu pochen, die es im echten Leben nicht gibt. Ich wünsche mir, dass wir an unserem seelischen und körperlichen Wohlergehen mitwirken, ohne dabei fanatisch zu werden. Ich wünsche mir, dass jeder das Recht zugesprochen bekommt, die Werte in seinem Leben frei zu wählen.

Der reflexhafte Ausspruch „Hauptsache gesund“ darf aus meiner Sicht infrage gestellt werden. Was in Ihrem Leben die Hauptsache ist, bestimmen nur Sie. Machen Sie aus dem „Ranking“ Ihrer Werte einen bewussten Vorgang. Dann ist grundsätzlich jede Wahl annehmbar und die Auseinandersetzung damit dient Ihrer Persönlichkeitsentwicklung.

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Frei die eigene Zukunft gestalten. Foto: twinlili / pixelio.de

Natürlich dürfen Sie sich an Konzepten und gesellschaftlichen Konventionen orientieren. Aber das müssen Sie nicht. Sie sind der einzige, der nur Sie sein können. Daraus resultiert Ihre individuelle Freiheit. Füllen Sie Ihr Ich-Sein mit den Inhalten, die für Sie stimmig sind. Das ist Ihr Geburtsrecht. Sie dürfen es in Anspruch nehmen. Viel Freude beim Entdecken Ihres Standpunkts und Ihrer Entwicklungspotenziale.

Leben – ohne Netz und doppelten Boden. Und wenn Sie sich darauf zubewegen, der Mensch zu sein, der Sie sein wollen, dann gibt Ihnen das keine Garantie für ein gesünderes Dasein oder eine bestimmte Anzahl von Lebensjahren. Aber mal ganz ehrlich: Wie wichtig ist der Zeitpunkt des Todes im Vergleich zu der Art, wie wir gelebt haben? Nützt es mir, drei Jahre länger so zu leben, wie es mir nicht entspricht? Beschreiten Sie beherzt den Weg zu sich selbst. Wie lange Sie dafür brauchen und wie viele Irrwege Sie gehen, ist weniger wesentlich als loszulaufen.

 

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Eine spannende Reise. Foto: Rainer Sturm / pixelio.de