Hochsensibel im Restaurant

Heute möchte ich Sie wieder an Themen teilhaben lassen, die mir in der Sprechstunde begegnet sind. „Aus dem echten Leben“ sozusagen.

Das Phänomen der Hochsensibilität betrifft vermutlich etwa 10 Prozent der Menschen. Sie haben eine geschärfte Wahrnehmung ihrer Sinneseindrücke. Das kann sich auf alle Sinne beziehen oder auf einzelne wie zum Beispiel den Geruch, das Gehör oder das Sehen.

Viele Betroffene wissen nichts von Ihrer besonderen Gabe, weil sie ja keine Vergleichsmöglichkeit haben. Die Wahrnehmung ist höchst individuell und kaum jemand kommt auf die Idee, bei anderen nachzufragen, wie sie das Wahrgenommene erleben. Hochsensible Personen (HSP) halten sich daher selbst oft für überempfindlich und versuchen, sich anzupassen.

Anpassung ist manchmal eine gute Strategie. Allerdings sollten Sie sich besser Ihren eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten anpassen als den Vorstellungen und Gewohnheiten der anderen.

Konkret habe ich mit einer sehr feinsinnigen Frau über den Besuch von Restaurants gesprochen. Das Thema ist mir bestens bekannt: Während Freunde und Familie sich einfach treffen und ausgelassen feiern, kann es für uns als Hochsensible eine große Herausforderung sein, mit am Tisch zu sitzen und an den Gesprächen teilzunehmen.

Viele Sinneseindrücke strömen gleichzeitig auf Hochsensible ein, die mit ihrem Nervensystem verarbeitet werden wollen. Es braucht eine achtsame Vorbereitung und einen gütigen Umgang mit dem eigenen Sosein, um diese Begegnungen nicht zur zu überstehen, sondern auch genießen zu können. Aus meiner persönlichen und therapeutischen Erfahrung gebe ich gerne praktische Tipps.

Wenn Hochsensiblen ein Ereignis bevorsteht, das ihre Nerven belasten wird, ist es wichtig, weitere Belastungen so gut wie möglich zu vermeiden. Fangen wir mit den grundlegenden Dingen an.

Essen Sie vor dem Restaurant-Besuch.

Diese Empfehlung mag auf den ersten Blick widersinnig erscheinen. Sie wollen natürlich mit den anderen vor Ort speisen. Es geht auch nicht darum, dass Sie sich zuhause den Bauch voll schlagen, sondern dass Sie nicht völlig ausgehungert und im Unterzuckerzustand in der Gaststätte ankommen. Eine kleine Banane, eine Möhre oder ein Apfel sind oft gute Begleiter auf dem Weg. Sie bringen den Blutzucker sehr rasch nach oben und überbrücken die Zeit bis zum gemeinsamen Mahl. Wer mag, greift schon daheim zum Müsli-Riegel oder nimmt eine Handvoll Nüsse zu sich. Diese Lebensmittel brauchen etwas länger, bis ihr Zucker in die Blutbahn gelangt. Machen Sie das so, wie es Ihren Vorlieben und Möglichkeiten entspricht. So können Sie später in aller Ruhe die Karte studieren, mit Bedacht bestellen und geduldig warten bis Ihr Teller kommt.

Gemach, gemach.

Kaum etwas setzt uns alle – egal ob hochsensibel oder nicht – so unter Stress wie Zeitdruck. Fahren Sie daher immer zeitig los und planen Sie Puffer ein. Mit dieser eigentlich einfachen Maßgabe können Sie schon ganz viel Ungemach vermeiden. Überlegen Sie frühzeitig, was vorbereitet werden will, fertigen Sie bei Bedarf eine kleine Liste mit Erledigungen an. Drucken Sie eine Wegbeschreibung aus oder notieren Sie die Adresse in Ihrem Navigationssystem. Packen Sie Geschenke und Mitbringsel beizeiten ein. Richten Sie Ihre Garderobe. Manche Menschen machen das schon Tage vor dem Ereignis. Beenden Sie andere Tätigkeiten früh genug, um in aller Ruhe letzte Reisevorkehrungen treffen zu können. Nehmen Sie sich mindestens 5 Minuten Zeit bevor Sie losfahren, um noch einmal zu prüfen, ob alles Wichtige an Bord ist. Wägen Sie ab, ob Sie Ihr Handy griffbereit haben wollen, damit Sie beruhigt sind, oder ob es Sie im Gegenteil eher ablenkt und stört.

Mitfahrgelegenheit.

Vielleicht können Sie auch gemeinsam mit anderen Gästen anreisen. Das hat Vorteile, aber auch Risiken und Nebenwirkungen. Sich den Fahrkünsten eines anderen Menschen anzuvertrauen bedeutet immer ein gewisses Maß an Kontrollverlust. Je nach Beziehung zu dem Fahrer kann das entspannt sein oder auch nicht. Die Bedürfnisse der Mitreisenden nach Musik oder Frischluft sind nicht unbedingt mit Ihren eigenen in Einklang. Und möglicherweise textet Sie jemand in der Fahrerkabine zu, aus der Sie kaum entkommen können. Wägen Sie ab, welche Vorteile für Ihr Wohlbefinden entscheidend sind und was Ihre Nerven am meisten schont.

Stabiler Stand.

Das Nervensystem liebt Stabilität. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Füße die Möglichkeit haben, fest auf dem Boden zu stehen. Stöckelabsätze sind ebenso wenig geeignet wie flache Schuhe für Menschen mit kurzen Beinen, die dann beim Sitzen nur mit den Zehenspitzen den Boden berühren oder auf der Sitzfläche unbequem nach vorn rutschen müssen. Den Rücken anzulehnen, dient ebenfalls der Stabilität. Die Körperhaltung ist entscheidend für Ihr Wohlgefühl. Machen Sie hier keine faulen Kompromisse. Plateausohlen, Block- oder Keilabsätze, in denen Sie problemlos gehen können, bringen einen sicheren Stand und gleichzeitig moderne Eleganz.

Der rechte Platz.

Wo Sie sitzen ist für Sie als hochsensibler Mensch wichtiger als für andere. Sie werden sicherer und stabiler sitzen, wenn Sie kein Fenster und keine Tür im Kreuz haben und auch nicht mit dem Rücken zum offenen Raum platziert sind. Ideal ist ein Standort, der Ihnen den Blick auf die Eingänge gewährt und gleichzeitig einen Rückhalt durch eine Wand oder ein massives Möbelstück gibt. Um zumindest einen Teil Ihrer Ansprüche an das gute Sitzgefühl erfüllt zu bekommen, ist es sinnvoll, nicht als Letzte einzutreffen.

Der Tischnachbar.

Wenn Sie können, setzen Sie sich neben jemanden, der Ihnen bekannt ist und sympathisch. Wer neben Ihnen Platz nimmt, liegt nicht immer in Ihrem Einflussbereich, aber wie viel Aufmerksamkeit Sie der Person schenken. Wechseln Sie den Platz, falls Sie sich neben einer nervigen Quasselstippe wiederfinden. Sie müssen ja niemanden offen brüskieren. Hier sind kleine Notlügen durchaus erlaubt. Schöner ist es natürlich, aufrichtig zu bleiben. Sie finden vielleicht ein zusätzliches Argument aus der Rubrik „Der rechte Platz“, das für den Stellungswechsel spricht.

Angenehme Beleuchtung.

Wenn Ihr Sehsinn geschärft ist, sind Sie blendempfindlich. Grelles, besonders helles oder blaustichiges Licht beeinträchtigt dann Ihr Wohlbefinden sehr. Das kann Ihnen die ganze Freude an dem Treffen vermiesen. Beachten Sie in diesem Fall bei der Wahl Ihres Sitzplatzes auch die Beleuchtung bzw. ob Sie von Ihrem Standort aus ins Helle schauen müssen. Scheuen Sie sich nicht, die Bedienung nach einem Sonnenschutz oder einem Dimmer zu fragen. Notfalls können Sie sie bitten, unnötige Lichtquellen auszuschalten. Erfahrungsgemäß ist das oft eine Erleichterung für die ganze Gruppe, auch wenn niemand anders auf die Idee kam, eine lauschigere Illumination zu veranlassen.

Souveränität signalisieren.

Wenn mehrere Menschen zusammenkommen, ist es sehr wahrscheinlich, dass Ihnen etwas begegnet, das ich „militante Fürsorge“ nenne. Insbesondere wenn Sie zu erkennen geben, dass Sie sich mit etwas unwohl fühlen. Ihre Selbstfürsorge wird vermutlich einen ungebetenen Helfer auf den Plan rufen. Fast in jeder Gruppe findet sich ein Weltenretter, der anderen helfen will – notfalls gegen deren Willen.

Mein Tipp: Fangen Sie nicht an, sich zu rechtfertigen, warum Sie den Empfehlungen nicht folgen. Das bricht endlose Diskussionen vom Zaun und kostet Sie unnötig Kraft. Sagen Sie einfach „Danke“. Und beim nächsten mal „Danke für Deine gute Absicht“. Sollte dann noch ein unwillkommener Vorschlag folgen, brauchen Sie die lange Version: „Danke für Deine gute Absicht. Ich freue mich, dass Du mir helfen willst. Das ist lieb von Dir. Ich sorge gut für mich. Du brauchst das nicht für mich zu tun. Alles ist gut.“ Je nach Ihrem Typ kann auch ein breites Lächeln eine witzige und gleichwohl klare Wortwahl begleiten „Nein, vielen Dank. Danke, aber danke nein.“ Probieren Sie aus, was Ihnen entspricht. Sammeln Sie Erfahrungen und lassen Sie sich nicht entmutigen, weil ein notorischer Helfer nicht gleich aufgibt, Sie beglücken zu wollen.

Rechtzeitig den Absprung wagen.

Viel Energie wird im Leben verpulvert, weil wir in Situationen verharren, die uns nicht guttun. Wenn Sie merken, dass Sie nach Hause wollen, gehen Sie. Ja, auch wenn Sie die Erste sind. Lassen Sie sich auch hier auf keine Diskussion ein. Bleiben Sie stattdessen charmant. Niemand hat ein Recht, Sie festhalten zu wollen. Werten Sie den Versuch als Kompliment und Sympathiebekundung.

Starten Sie Ihren Abschied, vor allem wenn er für die anderen unerwartet früh kommt, immer mit Dank und Wertschätzung. „Vielen Dank für die Einladung. Das war ein wunderbarer Abend. Es hat mich sehr gefreut, Euch alle hier getroffen zu haben. Und auch das Essen war vorzüglich. Nun bin ich satt und glücklich und will nur noch auf meine Couch.“ Sollten Gegenstimmen kommen, dürfen Sie zu dem platten Spruch greifen „Wenn es am schönsten ist, soll man gehen.“ An dem Sprichwort ist tatsächlich Wahres: Bleibt man über die Zeit, wird der zuvor nette Eindruck durch das „Aushalten bis zum Ende“ getrübt. Gerade, wenn Sie unsicher sind: Lassen Sie Ihren Worten ohne Verzögerung Taten folgen. Nehmen Sie Ihren Schlüssel in die Hand, drehen Sie den Körper Richtung Ausgang oder fangen Sie unverzüglich an, die Anwesenden mit Umarmungen oder Händeschütteln zu verabschieden. Riskieren Sie nicht, Wankelmut zu zeigen, sonst wird es nur noch schwieriger für Sie und für die anderen.

Jetzt ist es von Vorteil, selbst gefahren zu sein. Alternativ können Sie ein Taxi bemühen.

Und noch zwei Tipps aus der Naturheilkunde:

Bachbüten. Ein paar Tropfen der Bachblüte Aspen pur oder in Wasser aufgelöst unterstützen Ihr sensibles Nervensystem vor der Veranstaltung. Bachblüten sind kraftvoll und sanft. Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Die Tropfen können bei Bedarf in einer Pipettenflasche problemlos in der Handtasche mitgeführt werden. Die bewährte Notfallmischung (Rescue) beinhalte übrigens auch Aspen.

Heilströmen. In der Japanischen Heilkunst Jin Shin Jyutsu gibt es einen Punkt zum Stabilisieren des Nervensystems. Er liegt an der Außenseite der Handgelenke. Wenn Sie sich diesen Punkt schon vor der Veranstaltung, auf dem Weg dorthin oder vor Ort halten, beruhigt das Ihre Nerven ebenfalls auf sanfte und nebenwirkungsfreie Weise. Probieren Sie es einfach aus.

Nun wünsche ich Ihnen, dass Sie Ihrem nächsten Restaurant-Besuch mit Freude entgegensehen und das gesellige Beisammensein genießen können. Sorgen Sie gut für sich und achten Sie Ihr Sosein. Und zu guter Letzt möchte ich noch erwähnen, dass auch viele „normal“ sensible Menschen davon profitieren, sich in Selbstfürsorge zu üben, ihre Nerven zu schonen und die eigenen Grenzen bewusst zu wahren.