Sommer, Sonne, Mückenstich – Grenzverletzung mit Folgen

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Dieses Jahr schwirren besonders viele Insekten umher. Klimatische und biozyklische Faktoren spielen dabei eine Rolle. Da zahlreiche Insektenarten bereits verschwunden sind und einige vom Aussterben bedroht, ist das eigentlich eine gute Nachricht.

Ohne Insekten gibt es keine Bestäubung, blühende Pflanzen könnten sich nicht mehr vermehren und unser ökologisches Gleichgewicht wäre in Gefahr. Das ist nicht nur für Umweltschützer von Interesse, sondern für jeden, der auch morgen noch etwas essen möchte. In einigen Gemeinden werden extra Blumenwiesen angelegt, um Bienchen, Schmetterlinge & Co. anzulocken. Im Weinheimer Schlosspark zum Beispiel funktioniert das schon sehr gut.

Gleichzeitig häufen sich die Pressemeldungen, dass im Sommer 2018 ungewöhnlich viele Patienten wegen Insektenstichen und –bissen medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Das veranlasst mich, meine Erfahrungen und Gedanken hierzu mit Ihnen zu teilen. Außerdem will ich Ihnen ein paar praktische Tipps an die Hand geben und zum Schluss ganzheitliche Aspekte des Themas beleuchten.

Vorbeugen ist besser als Behandeln

Stiche und Bisse versorgen muss man nur, wenn man welche hat. Logisch. Daher gilt mein erstes Interesse dem Vermeiden solcher Maläsen. Stellvertretend will ich hier auf zwei Tierchen eingehen, die oft im Interesse der Öffentlichkeit stehen. Die einen, weil sie uns tatsächlich oft stechen, die anderen, weil mit der Angst vor ihren Bissen viel Geld verdient werden kann.

Stechmücken brauchen für ihre Brutstätten stehende Gewässer. Unsere allseits beliebten und aus ökologischer Sicht auch sinnvollen Regenfässer bieten ihrem Nachwuchs ein wohliges Zuhause. Abhilfe schafft ein wirklich dichter Deckel. Versuche, mit Geschirrspülmittel die Wasseroberfläche spannungsarm und somit als Brutstätte ungeeignet zu machen, fruchten nicht immer. Wenn Sie die Möglichkeit haben, Ihren Gartenteich durch Wasserspiele oder einen Bachlauf in Bewegung zu bringen, kann das nützlich sein.

Mosquitos schwärmen vor allem in der Dämmerung aus. Tagsüber werden wir von den Blutsaugern meist nicht belästigt. Sie reagieren nachts auf Licht und auf Luftbewegungen. Daher ist es sinnvoll, im Dunkeln zu lüften.

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Ob Sie sich mit einer Anti-Mück-Lotion einreiben wollen, überlasse ich Ihrem persönlichen Geschmack. Selbstverständlich greifen Sie wenn schon, dann zu einem Produkt aus dem Biomarkt. Sie wollen sich ja nicht vergiften, nur um keinen Mückenstich zu bekommen. Ein paar Tropfen Zitronella (bitte nur hochwertiges Aromaöl in Bioqualität verwenden und persönliche Verträglichkeit beachten!) in der Bodylotion erfüllen häufig den Zweck (fast) ebenso gut wie ein fertiges Spray. Von dubiosen Angeboten aus dem Internet rate ich ganz entschieden ab. Wenn Sie auf das Eincremen setzen, achten Sie darauf, die Lotion oder Creme flächendeckend anzuwenden, sonst ist die Aktion zwecklos.

Eine wirklich nützliche und meist sogar preisgünstige Maßnahme für den Innenbereich sind Fliegengitter an Fenstern und Terrassentüren sowie Mosquitonetze fürs Schlafgemach.

Zecken. Es geht die Mär, durch die FSME-Impfung sei man vor Zeckenmalheur geschützt. So lässt uns die Werbung der Hersteller solcher Impfstoffe erfolgreich glauben. Das stimmt leider nicht. Selbst wenn ich mal voraussetzen würde, dass die Impfung eine Frühsommer-Meningoenzephalitis tatsächlich die gefürchtete Hirn(haut)entzündung abwehrt: Ist damit alles gut? Wollen Sie es wissen? Die Wahrscheinlichkeit, sich mit Borreliose zu infizieren ist 300 (!) mal so hoch wie das Risiko, an FSME zu erkranken. Entsprechende Zahlen finden Sie im epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch-Instituts. Die Marketingstrategen wiegen uns also in falscher Sicherheit, wenn wir auf die Impfung allein vertrauen und denken, ein Zeckenbiss sei nun für uns harmlos.

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Eine sinnvolle Strategie heißt demnach nicht, Impfen und dann bedenkenlos rein in den Wald. Sondern, Zeckenbissen bestmöglich vorbeugen. Das soll Sie keineswegs von der Natur fern halten. Ein bisschen aktive Selbstfürsorge ist angesagt, statt sich blauäugig auf „Mutti Pharma“ zu verlassen. Zecken stürzen sich nicht von den Bäumen auf arglose Passanten, wie manchmal behauptet wird. Sie sitzen im hohen Gras oder an Sträuchern und warten dort auf einen Wirt, der sie mit den Beinen abstreift.

Halten Sie sich also von dichtbewachsenen Wegen bzw. vom Wegesrand fern und springen sie nicht durch hohes Gras, wenn Sie Angst vor Zecken haben. Empfehlenswert sind für Spaziergänge im Wald auch geschlossene Schuhe, Strümpfe und lange Hosen, aus ebenjenem Grund.

Der beste Zeckenschutz besteht aus einer gewissenhaften Kontrolle. Checken Sie nach dem Ausflug, ob sich ein Sauger an Ihnen oder an Ihrer Kleidung findet. Am Einfachsten und am Sichersten ist das, wenn Sie weiße Kleidung tragen. Die Tiere werden normalerweise nicht an dem Ort „sesshaft“, wo Sie bei Ihnen gelandet sind, sondern suchen sich eine warme Stelle mit dünner Haut, z.B. in der Leistenbeuge oder unter den Achseln. Ausnahmen bestätigen die Regel. Bis die Krankheitserreger Gelegenheit haben, aus ihrem Speichel in Ihr Blut einzudringen, haben Sie Gelegenheit, die Viecher zu finden. Suchen Sie danach. Aber bitte ohne Panik.

Individuelles Risiko. Aus der Beobachtung kann man sagen, dass es Menschen gibt, die für Insektenstiche oder –bisse anfälliger zu sein scheinen als andere. Falls Sie also in der Vergangenheit mehrfach Zecken hatten, macht es Sinn, sich mit dem Thema genauer zu befassen. Dann würde ich individuelle Risiken (des Bisses und der Impfung) gewissenhaft gegeneinander abwägen, wenn ich über eine FSME-Impfung nachdenken wollte.

Erst recht wenn Sie noch nie oder erst einmal in Ihrem Leben von einer Zecke gebissen wurden und nicht gerade vom Bürokaufmann zum Förster umschulen, empfehle ich Ihnen, vernünftig Nutzen und Risiken zu betrachten und dann eine Impfentscheidung zu treffen, die auf Fakten beruht. Es ist nicht sinnvoll, sich aus purer Angst und Panikmache impfen zu lassen. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt bzw. Ihrer Ärztin nicht unter Druck setzen. Er oder sie muss Sie umfassend über die zu erwartende Schutzwirkung und auch über möglichen Nebenwirkungen informieren bevor Sie Ihre Entscheidung treffen. Zu dieser Aufklärung sind Ärzt*innen von Gesetzes wegen verpflichtet. Erbitten Sie sich Bedenkzeit, falls Sie unsicher sind. Es besteht kein Grund für übereilte Beschlüsse.

Lassen Sie sich beraten, sammeln Sie Informationen aus unterschiedlichen Quellen und wählen Sie dann eine Vorgehensweise, die für Sie persönlich stimmig ist. Das gilt übrigens für alle medizinischen Entscheidungen. Lassen Sie sich von niemandem – weder von Ärzt*innen noch von Heilpraktiker*innen und natürlich auch nicht von mir! – diktieren, was für Sie gut und richtig ist. Sie allein tragen die Verantwortung für Ihren Körper und für Ihre Gesundheit.

Komplikationen. Warum ist es so, dass Insektenstiche und -bisse bei manchen Menschen rasch und ohne Komplikationen abheilen, während andere unter heftigen Entzündungen oder allergischen Reaktionen leiden? Das Problem ist mehrdimensional. Geben Sie sich nicht mit einer platten Antwort zufrieden.

Homöopathie. Es gibt bestimmte Konstitutionen, die mit Insekten mehr zu kämpfen haben als andere. Das sind im Speziellen Menschen, die aufgrund ihrer Konstitution ein homöopathisches Mittel brauchen, das aus einem Insekt gewonnen wird. Apis mellifica, das Gift der Honigbiene, ist ein sehr bekanntes Homöopathikum in diesem Zusammenhang. Aber es gibt noch hunderte anderer Insektenmittel in der homöopathischen Apotheke. Auch ist beispielsweise Staphisagria (Rittersporn) dafür bekannt, für Grenzverletzungen jeder Art empfänglich zu sein, auch von Tieren.

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Wenn man konstitutionell arbeiten will, braucht es eine genaue Analyse. Für die symptomatische Behandlung eines Stichs reicht zuweilen ein halbwegs ähnliches Mittel, bei dem die Symptome passend sind.

Akutmittel. Ich habe miterlebt, wie das Kompositum Apis/Belladonna von Wala (im Verbund mit Bachblüten Rescue-Tropfen) einen frischen Wespenstich binnen Minuten auf einen kleinen roten Punkt reduziert hat. Auch habe ich einem 9-Jährigen mit ärztlich attestierter Bienenallergie direkt nach dem Stich ein Kügelchen Apis in einer Hochpotenz verabreicht. Außerdem habe ich ihn beruhigt und das betroffene Bein im Intervall gekühlt. Das Ergebnis war so überzeugend: Seine Mutter wollte später gar nicht glauben, dass er wirklich gestochen worden war. Bisher endeten solche Stiche immer im Krankenhaus. Ich hatte jedoch sowohl das Tier als auch die Einstichstelle deutlich gesehen. Der Junge hat sich später mit Blümchen und einem Brief bei mir bedankt.

Rasch handeln. Bei der homöopathischen Akutbehandlung scheint der Zeitpunkt der Mittelgabe oft entscheidend für den Erfolg zu sein. Tragen Sie daher am Besten ein Kügelchen Apis C30 in Ihrem täglichen Notfallpäckchen mit sich.

Wer generell unter allergischen Reaktionen leidet, ist vielleicht mit Cardiospermum gut bedient. Die Pflanze heißt auf Deutsch „Herzsame“ und wird für ihre anti-allergische Wirkung geschätzt. Auch an homöopathisch aufbereitetes Histamin kann man denken, wenn allergische Reaktionen überschießen. Falls das Mittel nach der ersten Gabe keine deutliche Wirkung (seelisch oder körperlich) zeigt, lassen Sie es bitte unbedingt weg. Sonst wiederholen Sie die Gabe, sobald der Effekt nachlässt.

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Selbstversuche mit Homöopathika über längere Zeit sehe ich kritisch. Zu komplex sind die Regeln dieser Kunst, die eine Anwendung sicher machen. Im Zweifel fragen Sie Ihren homöopathisch erfahrenen Arzt oder Heilpraktiker.

Beruhigung für die Haut. Zur Anwendung in Eigenregie eignet sich Calendula-Essenz ganz hervorragend. Der Auszug aus Ringelblumen wirkt so stark entzündungshemmend, dass er sogar in der Krebstherapie eingesetzt wird. Dort lindert er die Entzündungen auf der Haut bei bestrahlten Patient*innen.

Nehmen Sie eine Kompresse und einen Verband. Tränken Sie die Kompresse großzügig mit der Essenz, legen Sie sie auf die betroffene Stelle und binden Sie einen Verband. Er darf nicht zu eng sein oder drücken. Der Verband schützt die Einstichstelle zusätzlich vor Reibung durch Kleidungsstücke und vor nächtlichem Kratzen.

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Es gibt eine ganze Reihe von Salben, Cremes und Gels, die Sie nach einem Insektenstich oder -biss verwenden können. Lassen Sie sich vom Apotheker oder der Apothekerin Ihres Vertrauens beraten. Ich habe in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit dem Combudoron-Gel gemacht. Alternativ oder ergänzend können Sie auch auf biophysikalische Maßnahmen setzen:

Hitze und Kälte. Die einfachen Maßnahmen werden oft vergessen: Kühlen Sie Ihren Stich, wenn Ihnen das angenehm ist. Am praktischsten ist dazu ein Kühlakku oder ein Gelpad, es geht aber auch mit Eiswürfeln im Geschirrtuch und zur Not mit tiefgefrorenem Brokkoli. Halten Sie die Kälte auf die betroffene Stelle, fixieren Sie sie gegebenenfalls z.B. mit einem Kleidungsstück und achten Sie auf ausreichend Kühlpausen, damit das Gewebe nicht den Frosttod stirbt. Das nennt man Intervallkühlung.

Äußerst hilfreich ist es, nach einem Stich die Verbreitung von Krankheitserregern im Körper zu verhindern. Dafür geeignet sind elektrische Geräte, die Sie überall im Handel erwerben können. Sie erwärmen die Haut an der Einstichstelle in einem eng umgrenzten Bereich für wenige Sekunden auf deutlich über 42 Grad. Die Keime werden auf diese Weise sozusagen weggebruzzelt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sowohl die Schwellung als auch der Juckreiz sich damit deutlich verringern lassen. Je rascher nach dem Stich die Wärembehandlung zum Einsatz kommt, desto wirkungsvoller ist sie.

4-Elemente-Medizin. Aus der Elementesicht gehört das Thema dem Feuer an. Ein Zuviel an Feuer in der Lebensenergie kann sich problematisch auswirken, aber auch ein Zuwenig. Bei der feurigen Blutgruppe 0 kann das Immunsystem schon mal eine rasche und heftige Reaktion produzieren. Wenn man weiß, wie die Elemente verteilt sind, kann man durch einfache Maßnahmen gezielt gegensteuern. Die so erreichte Balance dient nicht nur dem entspannteren Erleben von Insektenstichen. Näheres dazu erfahren Sie auf meine Homepage  oder in dem Buch „Gesundheit gestalten mit den 4 Elementen“.

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Foto: Klicker / pixelio.de

Immunreaktion und Gemütsverfassung. Die Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie erforscht die Zusammenhänge zwischen Seele, Nervensystem und Abwehrreaktion. Die Ergebnisse legen nah, dass es sinnvoll ist, den Körper auch auf seelischer Ebene zu unterstützen. Bitte verfallen Sie daher nicht in Panik, wenn Sie gestochen oder gebissen werden. Ihr Immunsystem arbeitet besser, wenn Sie ruhig bleiben.

Es gibt potenzielle Notfälle, z.B. wenn eine Biene in den Hals sticht. Dann ist unverzügliches und entschlossenes Handeln unerlässlich. Es kann auch zu einem Allergieschock kommen, dann schwillt in Windeseile der Körper nicht nur an der Einstichstelle heftig an oder es zeigen sich andere spezifische Reaktionen. Das sind Fälle für den Notarzt. 98 % der Stiche sind aber ungefährlich. Machen Sie sich das bewusst.

In den Fallbeispielen weiter vorn haben beruhigende Maßnahmen zum Behandlungserfolg beigetragen. Notfalltropfen aus der Bachblüten-Apotheke sind ein für diesen Zweck bewährtes Mittel. Packen Sie ein Fläschchen in Ihren Notfallkoffer. Auch menschliche Zuwendung kann für das Nervensystem generell sehr beruhigend sein. Wenden Sie sich nach Möglichkeit an jemanden, der Sie mit seiner eigenen Angst nicht noch mehr verschreckt.

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Foto: Xenia Kehnen / pixelio.de

Aus Sicht des Nervensystems. Als Traumatherapeutin interessiert mich allergisches Geschehen generell. Betrachtet man die Zusammenhänge zwischen Nervensystem und körpereigener Abwehr, ergeben sich interessante und hoffnungsfrohe Ansätze. Allergische Reaktionen verstärken sich, wenn der oder die Betroffene unter Stress leidet. Das kann man beispielsweise bei Heuschnupfengeplagten beobachten. Manchmal verschwinden Allergien – sozusagen als positive Nebenwirkung – wenn das Nervensystem entlastet wird, z. B. durch eine Traumatherapie oder auch durch veränderte Lebensumstände.

Man darf sich fragen, ob Menschen besonders heftig auf Insektenstiche oder –bisse reagieren, deren Aggressionen sonst nicht so viel freien Auslauf haben. Für sie kann es wichtig sein, das gesunde Potenzial dieser Kraft zu würdigen und für sie angemessene Möglichkeiten zur Regulation zu finden. Auch Menschen, die öfter mal oder generell „im Terminator-Modus“ laufen, weil sie ein hitziges Temperament haben oder weil sie aufgrund einer traumatischen Erfahrung in der Kampfreaktion hängen geblieben sind, können davon betroffen sein.

Perspektivenwechsel

Gesamtgesellschaftlich betrachtet erscheint es mir so, als reagieren wir kollektiv auf das Thema Grenzverletzung. Die kleinen fiesen Blutsauger dringen ungefragt in unseren Körper ein und rauben unseren kostbaren Lebenssaft. Sie verletzen unsere Körpergrenze, bleiben dabei meisten erst mal unbemerkt und wir können wenig dagegen ausrichten, dass das passiert. Natürlich sind das Tiere mit einem Recht auf Leben. Sie sind nur auf der Suche nach Nahrung. Und prinzipiell sollte es uns nicht so viel ausmachen, wenn ein Tröpfchen unseres Blutes ihren Durst stillt.

Gleichzeitig begreife ich diese körperliche Grenzüberschreitung auch als symbolischen Akt. Viele von uns haben Probleme damit, Ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen, sie angemessen zu schützen und bei Bedarf beherzt zu verteidigen. Mir kam der Gedanke, ob unser Körper uns durch allzu heftige Reaktionen auf diese im Grunde harmlosen Eindringlinge darauf aufmerksam macht, dass hier noch etwas zu lösen ist.

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Foto: Harry Hautumm / pixelio.de – nachgestellte Situation

Die Masterarbeit einer 24jährigen Freundin hat mir etwas ins Bewusstsein (zurück)geholt, das gerade wir Traumatherapeut*innen immer im Blick haben sollten: Der Krieg ist erst 73 Jahre her. Die Generation meiner Eltern hat die Auswirkungen noch am eigenen Leib erlitten. Meine Generation hat zwar die entmenschlichte Gewalt mit all ihren Facetten der Grenzüberschreitung nicht selbst erlebt, durch transgenerationale Traumatisierung sind aber auch wir davon betroffen, und zwar in einem Ausmaß, das sich nicht immer erahnen lässt. Ganz gleich, ob unsere Großeltern Opfer waren oder Täter oder beides. Sie waren von den Gräueltaten der NS-Zeit, vom Krieg, von Hunger und Vertreibung betroffen. 12 bis 14 Millionen Menschen waren in den Jahren nach 1945 auf der Flucht. Die meisten davon kamen im Westen Deutschlands unter.

Traumareaktivierung. Wenn wir heute mit den traumatisierten Flüchtlingen konfrontiert sind, die in Deutschland Schutz suchen, reaktivert das bei vielen von uns automatisch die Traumabelastungen aus unseren Familien. Die der Geflohenen und auch die Traumata derjenigen, die Flüchtlinge unterbringen musste und sich durch deren Anwesenheit in ihrer Existenz bedroht sahen. Das war 1945. Die Bevölkerung litt unter Hunger und Frost. 45 von 60 Deutschen Großstädten waren zerbombt. Fast jede*r hatte Angehörige verloren, einige waren noch vermisst. Manche kehrten schwer traumatisiert aus dem Krieg zurück. Eine Ideologie war zerbrochen. Diese Seite der Wahrheit verschweigen die meisten Wirtschaftswunder-Berichte aus den 1950er Jahren.

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Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Heute ist 2018. Die meisten von uns leben in relativem Wohlstand. Die Grundbedürfnisse sind gestillt. Wir jammern viel über Luxussorgen. Wie schon nach der Maueröffnung 1989 reagieren wir auch heute wieder auf das Bedürfnis nach Integration mit Skepsis, Ablehnung und teils offener Fremdenfeindlichkeit.

Ich habe kein Interesse an Politik. Mich als Traumatherapeutin interessiert die Situation als Chance, Unbewältigtes endlich zu klären. Erste Berührungen mit dem Potenzial diese Themas hatte ich in einigen Sitzungen. Dort durfte ich erleben, wie heilsam es ist, die Perspektive zu erweitern und manchmal sogar aus diesem Anlass mit der Familienbiografie in Frieden zu kommen.

Damit gewinnt man die Freiheit, sich der Manipulation durch die Medien und durch Politiker*innen zu entziehen, die unsere projizierten Ängste dafür missbrauchen, Wählerstimmen zu sammeln. Wenn wir frei sind von den Auswirkungen transgenerationaler Traumata, können wir uns mit echten Daten und Fakten befassen. Erst dann sind wir offen für Tatsachen und laufen nicht mehr Gefahr, der wirklichkeitsverzerrenden Meinungsmache aufzusitzen.

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Foto: knipseline / pixelio.de

Es kann sehr lohnend sein, sich mit diesem Teil der Familienbiografie auseinanderzusetzen. Das kann, muss aber nicht auf intellektueller Ebene erfolgen. Wir sind alle in der Schule informiert worden. Meist ging es dabei um Zahlen, deren Bedeutung wir nicht fassen konnten, weil das Gelehrte einfach unfassbar war. Wichtiger wäre es gewesen, uns mit den Schicksalen der Menschen in Berührung zu bringen, was selten Unterrichtsgegenstand war.

Systemische Beratung und Traumatherapie sind geeignete Methoden, die unverarbeiteten Folgen transgenerationaler Traumata wirksam zu bearbeiten.

Mitgefühl als Weg zum Frieden. Wesentlich ist, dass wir in Kontakt mit uns selbst sind. Denn nur so können wir Empathie empfinden – eine der Qualitäten, die unser Menschsein ausmachen. Sie ist eine Voraussetzung für unser soziales Leben, für unser Miteinander und für eine gute Beziehung zu uns selbst. Frieden findet in den Herzen der Menschen statt. Geben Sie ihm eine Chance.

Weitere Infos:
“Kalte Heimat – Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945″ Andreas Kosset, Pantheon 2009

Nun bin ich gespannt auf Ihre Kommentare: War dieser Beitrag für Sie nützlich? Wollen Sie einen der praktischen Tipps ausprobieren? Konnten Sie sich auf den Perspektivenwechsel einlassen? Haben Sie schon erlebt, wie heilsam es ist, mit der Familienbiografie in Frieden zu kommen? Bitte lassen Sie uns an Ihren Erfahrungen teilhaben und schreiben Sie einen Kommentar!

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07. Juli 2018 von Petra Weiß
Kategorien: Praktische Tipps | Schreibe einen Kommentar

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