Hauptsache gesund? Die Illusion vom ewigen Leben.

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Foto: Oliver Mohr / pixelio.de

Immer wieder lesen oder hören wir, wie wichtig unser Lebensstil für die Gesundheit ist. Während man früher einen großen Teil des körperlichen und seelischen Wohlergehens der genetischen Disposition zuschrieb, gewinnt die Forschung immer mehr Hinweise darauf, wie bedeutend die Epigenetik ist. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir zwar Prägungen im Erbgut haben, diese aber wirksam werden können oder auch nicht.

Man stellt sich das vereinfacht vor wie einen Schalter, der auf („epi“) dem Gen sitzt. Steht der Schalter auf AN, wird die Gensequenz abgelesen und damit wirksam. Steht er auf OFF bleibt das Gen zwar wie es ist, wird aber nicht abgelesen. Wie wir leben hat Einfluss auf diesen Schalter. Und der Schalter hat seinerseits Einfluss auf unsere Lebensweise. Es besteht eine Wechselwirkung.

Die Medien vermitteln den Eindruck, man müsse nur gesund leben und schwupps schon seien die Epigene umgeswicht und wir würden so alt wie Methusalem. Ausgewogene Ernährung, ein bisschen Sport, genug Entspannung und bloß nicht rauchen – das klingt doch gar nicht so schwer. Als ob wir alle die gleichen guten Voraussetzungen hätten, unser Leben nach Belieben zu steuern. Das ist leider nicht so.

Willkommener Irrglaube

Wir halten kollektiv eine Illusion aufrecht. Wenn wir eingehender darüber nachdenken, wird uns schnell klar, dass Menschen auch in Deutschland unter unglücklichen Umständen aufwachsen, die ihre Resilienz, ihr Erleben von Selbstwirksamkeit und ihre seelische Gesundheit massiv beeinträchtigen. Und wenn wir dann die Erkenntnisse aus der Epigenetik erstnehmen, wird weiterhin klar, dass wir auch von unseren Ahnen Belastungen – sowohl genetische als auch epigenetische – in uns tragen, um die wir nicht gebeten haben. Die Belastungen sind individuell unterschiedlich ausgeprägt. Und ebenso unterschiedlich ist das Vermögen, unser Leben in die Hand zu nehmen.

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Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Warum ist uns die Illusion so wichtig? Sie vermittelt uns das falsche und gleichzeitig sehr willkommene Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Als stünde es in unserer Macht, wie gesund wir sind. Als läge es in unserem Ermessen, wie alt wir werden. Ja, fast so als könnten wir dem Tod ein Schnippchen schlagen. Diese kindliche Allmachtsfantasie ist für uns leichter zu handhaben als die Tatsache, dass wir wohl im Rahmen unserer persönlichen Möglichkeiten einen gewissen Einfluss ausüben können, den wir auch nutzen sollten, aber dass unsere Macht über das eigene Leben Grenzen hat und jedes Leben letztlich endet, egal wie gesund wir vorher gelebt haben. Zu gerne blenden wir Krankheit und Tod aus. Wenn wir gezwungen sind hinzusehen, geben uns lieber dem Irrglauben hin, wir wären selber schuld an unseren Maläsen als das Gefühl von Ohnmacht zu ertragen. Und noch attraktiver ist es, anderen die Schuld für ihre gesundheitlichen Probleme zuzuschieben als sich den eigenen Ohnmachtsgefühlen zu stellen.

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Foto: Carlo Schrodt / pixelio.de

Analogie. Mir fällt in diesem Zusammenhang eine Studie ein: Die Ergebnisse von Gerichtsverhandlungen zum Thema sexuelle Gewalt wurden analysiert. Man wollte herausfinden, ob die These stimmt, dass weibliche Richter die Verdächtigen härter verurteilen als ihre männlichen Kollegen. Erstaunlicherweise war es genau umgekehrt! Die Richterinnen tendierten dazu, die Opfer als schuldig anzusehen und sprachen die mutmaßlichen Täter häufiger frei. Als mögliche Erklärung postulierten Psychologen, dass die Richterinnen leichter mit der Haltung leben, eine Frau wird nur dann vergewaltigt, wenn sie selbst diese Handlung provoziert. So können sie für sich selbst in der Illusion bleiben, ihnen passiere so etwas Schreckliches ganz sicher nicht. Was unsere Gesundheit angeht oder die unserer Mitmenschen, werden wir alle leider allzu rasch zu ungnädigen Richter*innen.

Verlorene Jahre?

In einem Beitrag des Spiegelmagazins zeigt eine Grafik, wie viele Lebensjahre wir durch Rauchen (mehr als 10 Zigaretten täglich), Fettleibigkeit (Body-Mass-Index BMI >30) und Alkohol (> 4 Gläser am Tag) etc. verlieren. Die Zahlen sind erschütternd.

Meinung. Ich persönlich glaube nicht, dass sich das individuelle Wohlfühlgewicht immer an BMI-Zahlen hält. Gleichwohl empfinden sich viele Menschen als zu dick. Alleine darüber könnte man eine Abhandlung schreiben. Schauen Sie vielleicht mal auf den Beitrag „Intuitiv essen“. Das Thema will ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.

Keinem scheint aufzufallen, dass es sich hier um Suchterkrankungen handelt, die behandlungswürdig sind und ihre tieferen Ursachen haben.

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Foto: Petra Bork / pixelio.de

Statt jedem Dicken, Trinker oder Raucher seinen Zustand vorzuwerfen, als sei er Ausdruck einer verabscheuungswürdigen Charakterschwäche, wäre es zweckdienlicher sich zu fragen, woher das Problem rührt. Zigarettenrauch beispielsweise stinkt, er überschreitet Grenzen und gefährdet andere durch Passivrauchen, die Gesundheitsrisiken sind hinlänglich bekannt. Im gesellschaftlichen Ansehen ist der lässig rauchende Cowboy längst nicht mehr cool. Und unsäglich teuer ist das Rauchen auch noch. Warum fällt es vielen so schwer, auf den Glimmstängel zu verzichten? DAS ist eine Frage, die mich wirklich interessiert.

Eine mögliche Antwort habe ich beim Studium von Traumafolgen gefunden: Rauchen beruhigt. Es lindert Ängste. Aha. Ist die These da verwegen, dass wir vom hohen Ross herab Menschen verurteilen, die von ihrem Schicksal gebeutelt sind und eine ungesunde Kompensationsmöglichkeit gefunden haben? Nikotin ist bekanntlich ein Nervengift. Es mag Lebensläufe geben, in denen es erforderlich erscheint, die Nerven zeitweise nicht zu spüren. Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem erfreulichen Leben, falls Sie sich das nicht vorstellen können.

Achtung und Demut

Mir begegnen immer wieder Biografien, die meine tiefe Ehrfurcht und Wertschätzung hervorrufen und bei denen ich mich wundere, wie ein Mensch so etwas überlebt. Dass die Betreffenden (unbewusst) nach Bewältigungsstrategien suchen, die Risiken und Nebenwirkungen mit sich bringen, ist eher die Regel als die Ausnahme.

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Foto: Kraftprotz / pixelio.de – nachgestellte Situation

Beruhigende Effekte hat übrigens auch das Essen. Während des Essens wird Oxitocin ausgeschüttet. Das Baby-Bindungs-Hormon beruhigt. Für manche ist Essen eine von wenigen Möglichkeiten, sich zumindest für einen kurzen Augenblick geborgen zu fühlen. „Sie müssen ein paar Pfund abnehmen, sonst gefährden Sie Ihre Gesundheit!“ hören solche Leute täglich von Heilpraktiker*innen, Ärzt*innen, Ernährungsberater*innen oder wohlmeinenden Nachbar*innen. Diese Aufforderung nützt ihnen gar nicht. Ganz im Gegenteil: Ihr Gefühl von „Ich kann nicht“ verstärkt sich mit jedem gescheiterten Diätversuch und untergräbt ihre angegriffene Selbstwertschätzung noch weiter.

Ebenso geht es den Alkoholkranken. Auch Alkohol ist ein Nervengift und zudem bietet der Rausch einen kleinen Urlaub von dem unverarbeiteten Horror. Auf keinen Fall will ich Alkohol als gute Bewältigungsstrategie anpreisen. Und doch ist es falsch, die Betroffenen – ausgesprochen oder nicht – als asoziale Säufer zu verurteilen. Alkoholabhängigkeit ist eine anerkannte Krankheit. Wäre es einzig eine Frage des Willens, die Sucht an den Nagel zu hängen, würden die meisten davon Gebrauch machen und das Problem würde sich in Luft auf lösen.

Nützlich ist eine mehrdimensionale Sicht der Dinge. Es braucht zuerst eine gute Strategie, um das Problem zu lösen, das hinter dem Rauchen, dem Übergewicht oder der Alkoholsucht liegt, bevor man das offenkundig selbstschädigende Verhalten bleibenlassen kann. Ja, wir können etwas tun. Aber so platt und einfach wie es klingt, ist es leider nicht immer.

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Foto: Margot Kessler / pixelio.de

Praxisbeispiel: Ich erinnere mich an eine Patientin, die schon von klein auf nahezu ideal gesunde Weise ernährt worden war. Ihre Eltern haben ihr nur Bio-Lebensmittel gegeben, sie hat sich sportlich betätigt, war immer schlank gewesen, hat keinen Alkohol getrunken und hatte einen geregelten Alltag mit mäßiger Belastung durch ihren Teilzeit-Beruf, einen netten Ehemann und wohlgeratene Kinder. Dennoch war sie an Krebs erkrankt. Der Diagnoseschock bei Krebs zieht den meisten Menschen den Boden unter den Füßen weg. In der Regel haben sie rasch Pläne, was sie künftig ändern wollen, um an Ihrer Genesung mitzuwirken. Bei dieser Frau war die Tatsache, dass Sie TROTZ ihres (nahezu perfekt) gesunden Lebenswandels erkrankt war, das eigentliche Problem. Das stürzte sie in ein tiefes Loch und wir hatten alle Hände voll damit zu tun, Ihre Seelenlage zu stabilisieren.

Die Epigenetik lehrt uns, dass wir genetische Vorbelastungen durch gesunde Lebensweise ein Stück weit ausgleichen können. Sie lehrt uns aber auch, dass Belastungen nicht nur genetisch, sondern auch epigenetisch von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wir sollten den Menschen helfen, ein Bewusstsein für Ihre individuellen Probleme zu entwickeln und sie dabei unterstützen, gute Lösungen zu finden, statt mit erhobenem Zeigefinger auf die ungesunden Lösungen zu zeigen, die sie selbst gefunden haben. Etwas mehr Achtung vor dem Einzelnen und seinem Schicksal, das wir nicht erkennen, wenn wir nur auf seinen Body-Mass-Index oder seine Zigarettenpackung starren, tut Not.

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Foto: Elisabeth Patzal / pixelio.de

Individuelle Werte

Ich wünsche mir, dass wir den Menschen mit offenem Herzen begegnen. Auch und gerade wenn sie nicht so gut für sich sorgen, wie wir es für angemessen halten. Dass wir uns darüber bewusst werden, nicht über alle Informationen zu verfügen, die eine faire Bewertung der Situation erfordern würde. Auch wenn das heißt, dass wir uns unseren tiefen Ängsten stellen und das eigene Fragil-Sein anerkennen, statt auf eine unsinnige Unkapputbarkeit zu pochen, die es praktisch nicht gibt. Ich wünsche mir, dass wir an unserem seelischen und körperlichen Wohlergehen mitwirken, ohne dabei fanatisch zu werden. Ich wünsche mir, dass jeder das Recht zugesprochen bekommt, die Werte in seinem Leben frei zu wählen.

Der reflexhafte Ausspruch „Hauptsache gesund“ darf aus meiner Sicht infrage gestellt werden. Was in Ihrem Leben die Hauptsache ist, bestimmen nur Sie. Machen Sie aus dem „Ranking“ Ihrer Werte einen bewussten Prozess. Dann ist prinzipiell jede Wahl akzeptabel und die Auseinandersetzung damit dient der Persönlichkeitsentwicklung.

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Foto: twinlili / pixelio.de

Natürlich dürfen Sie sich an Konzepten und gesellschaftlichen Konventionen orientieren. Aber das müssen Sie nicht. Sie sind der/die einzige, der oder die nur Sie sein können. Daraus resultiert Ihre prinzipielle individuelle Freiheit. Füllen Sie Ihr Ich-Sein mit den Inhalten, die für Sie stimmig sind. Das ist Ihr Geburtsrecht. Sie dürfen es in Anspruch nehmen. Viel Freude beim Entdecken Ihres Standpunkts und Ihrer Entwicklungspotenziale.

Leben – ohne Netz und doppelten Boden. Und wenn Sie sich darauf zubewegen, der Mensch zu sein, der Sie sein wollen, dann gibt Ihnen das keine Garantie für ein gesünderes Dasein oder eine bestimmte Anzahl von Lebensjahren. Aber mal ganz ehrlich: Wie wichtig ist der Zeitpunkt des Todes im Vergleich zu der Art, wie wir gelebt haben? Nützt es mir, drei Jahre länger so zu leben, wie es mir nicht entspricht? Beschreiten Sie beherzt den Weg zu sich selbst. Wie lange Sie dafür brauchen und wie viele Irrwege Sie gehen, ist weniger wesentlich als loszulaufen.

 

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Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Nun bin ich gespannt auf Ihre Kommentare: Was ist in Ihrem Leben die Hauptsache? Welche Werte schätzen Sie noch mehr als Ihre Gesundheit? Wie haben Sie eine Situation gemeistert, in der Ihnen bewusst wurde, dass Sie nicht allmächtig sind? Was hilft Ihnen dabei, Ihre Krankheit zu akzeptieren und gleichzeitig Wege der Genesung zu beschreiten? Bitte lassen Sie uns an Ihren Erfahrungen teilhaben und schreiben Sie einen Kommentar!

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29. Juli 2018 von Petra Weiß
Kategorien: Umdenken | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Ein wunderbar ausgewogener Text, der zum Nachspüren und Nach-denken anregt. Zu oft heben wir anderen und uns selbst gegenüber den Zeigefinger im Alltag – wir dürfen lernen, immer wieder gnädig mit uns und anderen zu sein und der Natur mit Demut zu begegnen…..

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